Seit 27 Jahren gibt es in der Pauluskirche von Oktober bis Ende März das „Warme Essen“ für Obdachlose und Bedürftige, auch in dieser Zeit der Corona-Pandemie. Die Paulus Blätter sprachen mit drei Mitarbeiterinnen:

 

Diakonieschwester Heike Erpel ist seit drei Jahren Projektleiterin des Warmen Essens.
Heida Müller, pensionierte Lehrerin, hilft seit zwei Jahren freitags bei der Essensausgabe.
Stefanie Geist studiert an der Evangelischen Hochschule Berlin und macht zurzeit ein Praktikum in der Paulusgemeinde.

Weshalb engagieren Sie sich beim Warmen Essen?
Sr. Heike: Menschen, die auf der Straße leben, müssen sich einen trockenen und sicheren Schlafplatz suchen, überlegen, wie sie an etwas Essbares kommen und wo sie etwas Wärme erhalten können. Sie werden vielerorts verjagt, angepöbelt und im schlimmsten Fall körperlich und seelisch angegriffen. Mit der Aktion „Warmes Essen“ kann ich meinen Beitrag dazu leisten, den Menschen wieder Hoffnung zu geben und das widrige Leben auf der Straße ein wenig abzumildern, nicht nur mit der Mahlzeit, sondern mit einem offenen Ohr, mit einem Schlafsack oder mit der Vermittlung von sozialen Hilfen. Unter unseren Gästen sind zwar mehr Bedürftige als Obdachlose, aber auch unter ihnen gibt es welche, die keine Heizung haben, nicht kochen können oder gar kein Geld mehr haben, um sich etwas zu essen zu leisten.
Heida Müller: Ich suchte nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit, nachdem die Notunterkunft im Rathaus Wilmersdorf geschlossen hatte. Dort war ich u. a. auch in der Essensausgabe tätig.
Stefanie Geist: Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt in der Kinder- und Ju-gendarbeit. Doch es gehören noch viele andere Bereiche zur Gemeindearbeit, die für mich Herzensangelegenheit sind. Dazu zählt die Aktion „Warmes Essen“. Sie ist ein gutes und zudem gelungenes Beispiel der Nächstenliebe.

Welche Änderungen gibt es jetzt beim Warmen Essen?
Sr. Heike: Die Aktion „Warmes Essen“ findet auch während der Corona-Pandemie statt und das ist auch sehr wichtig. Aktuell gibt es das (warme) Essen und ein heißes Getränk nur zum Mitnehmen. Ein Verweilen vor Ort können wir aktuell nicht anbieten. Das bedauern wir sehr, aber wir sind froh, dass wir offenbleiben können. Und das geben uns unsere Gäste als positives Feedback zurück. Sie sind sehr dankbar, dass jemand in dieser noch härteren Zeit als sonst, für sie da ist.
Heida Müller: Die Essensausgabe wurde in den Kirchraum verlagert. Der vorher genutzte Raum war für die Abstandsregelung nach dem Hygienekonzept zu klein. Es wurden auch entsprechende Hygienemaßnahmen eingeführt wie Desinfektionsplan und „Einbahnstraßensystem“, das heißt: Registrierung und Desinfizieren der Hände beim Betreten der Kirche, Mundschutz der Gäste und der Mitarbeitenden, Plexiglaswände als Abstandshalter und Aerosolschutz, Lüftungsplan und häufiges Desinfizieren der Tische, Stühle und Nebenräume. Seit dem November-Lockdown dürfen die Gäste nicht mehr im Zelt sitzen; es gilt das „to-go-Prinzip“.

Wie empfinden Sie die Änderungen, und wie kommt das bei den Gästen an?
Heida Müller: Ich habe mich als Mitarbeiterin relativ schnell an die Änderungen gewöhnt. Allerdings gibt es durch Mundschutz und Plexiglaswände manchmal Verständigungsprobleme. Kleine Plaudereien sind jetzt seltener, weil sich die „Essensschlange“ weiter bewegen muss. Die Gäste kommen überwiegend gut mit den Änderungen klar. Bestimmt ist es jedoch belastend für sie, dass sie nicht mehr miteinander im Warmen essen und sich unterhalten können, sondern im Stehen draußen in der Kälte.
Stefanie Geist: Auch wenn die Menschen nicht zusammen ihre Mahlzeit einnehmen können, hat die Essensausgabe direkt vor dem Altar meiner Meinung nach großen Symbolcharakter. Es spendet ihnen doch irgendwie Mut und Zuversicht, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden.

Wer kommt zum Warmen Essen?
Sr. Heike: Überwiegend Bedürftige, wenige Obdachlose. Davon sind 3/4 Männer und 1/4 Frauen. Die Altersstruktur liegt zwischen 45 und 80 Jahren, wenig bis gar keine jungen Menschen. Heida Müller: Die Teilnehmerzahl ist relativ konstant. Wir können aber immer wieder auch neue Gäste begrüßen, wenn ihre „Tafel“ schließen musste oder – nicht selten – weil bei Paulus gesunde, schmackhafte warme Mehlzeiten serviert werden in menschlicher Atmosphäre.

Welche Angebote gibt es für die Gäste noch außer dem Essen?
Sr. Heike: Montags gibt es noch eine Kleiderausgabe, mittwochs zusätzliche Lebensmittel von „Butter Lindner“ und einen Büchertisch. Beratungsangebote sind zurzeit nur niederschwellig über mich möglich.

Wer finanziert das Warme Essen?
Sr. Heike: Von Oktober bis März werden wir vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf unterstützt. Das deckt jedoch nur einen Teil der Kosten. Der Rest wird ausschließlich durch Spenden finan-ziert. Deshalb sind die auch so wichtig, zumal wir dieses Jahr auch zum ersten Mal nicht im März schließen, sondern auch im Sommer und Herbst für unsere Gäste da sind.

Was wünschen Sie dem Warmen Essen für die Zukunft?
Sr. Heike: Eigene Räume, um unser Angebot ausbauen zu können, beispielsweise Duschen oder Waschplätze für Kleidung, Notplätze für die Nacht, längere Tagesbetreuung, Frauen-Café und vieles mehr. Ideen habe ich sehr viele, aber die sind nur mit eigenen Räumlichkeiten umsetzbar.
Heida Müller: Das Team der Ehrenamtlichen begrüßt den Beschluss der milaa (miteinander leben aber anders)GgmbH und der Leitung der Paulusgemeinde, die Aktion „Warmes Essen“ ganzjährig anzubieten.
Stefanie Geist: Mein Wunsch ist, dass die Menschen ihre Mahlzeit bald wieder gemeinsam einnehmen können, dass gute Gespräche möglich sind, nicht nur auf Distanz, und die Gemeinschaft wieder spürbar wird. Die Menschen brauchen nicht nur ein warmes Essen, sondern auch die Geborgenheit in einem Raum, auch wenn es nur für eine halbe Stunde ist.

Frau Geist, werden die Erfahrungen, die Sie beim Warmen Essen machen, Einfluss auf ihren späteren Beruf haben?
Stefanie Geist: Die Erfahrungen, die ich beim „Warmen Essen“ sammle, sind unersetzbar. Sie werden mir auf jeden Fall in meiner Zukunft weiterhelfen, auch wenn die Zielgruppen in meinem zukünftigen Beruf vorrangig Kinder und Jugendliche sein werden. Auf alle Fälle ist die Aktion „Warmes Essen“ eine gute Sache und sollte, wo immer es möglich ist, ins Leben gerufen werden.

Welches Fazit ziehen Sie aus der gegenwärtigen Situation?
Sr. Heike: Es ist von enormer Wichtigkeit, dass wir geöffnet haben und auch bleiben. Einerseits erfahre ich noch einmal mehr, wie wichtig die niedrig-schwelligen Angebote der Wohnungslosen- und Obdachlosenhilfe sind. Das sagen mir auch unsere Teilnehmer*innen, die dankbar sind, dass wir dieses Angebot machen können. Andererseits bin ich zutiefst dankbar, dass sich so viele Ehrenamtliche in dieser doch besonderen Saison gemeldet haben und so engagiert dabei sind. Des Weiteren erfahren wir viel Zuspruch von unseren, meist langjährigen Spender*innen. Zudem ist die Zusammenarbeit zwischen der milaa gGmbH und der Paulusgemeinde sehr gut, und gemeinsam konnten viele Ideen entwickelt und in konkrete Handlungen umgesetzt werden. Die Aktion „Warmes Essen“ ist ein wichtiger Baustein im Rahmen der Käl-tehilfe, und ich hoffe, wir können die Menschen weiterhin gut beraten und betreuen. Der Bedarf ist da und wird sich voraussichtlich in den nächsten Monaten auch nicht verändern. Wir möchten für die Menschen da sein. Danke, dass Sie uns dabei unterstützen!

Das Interview führte für die Paulus Blätter Hannelore Beuster Eine Kurzfassung finden Sie in der Märzausgabe der Paulus Blätter

 

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